Vertical Farming: grüne Riesen für die Mägen der Zukunft

Nach Schätzungen der OECD sollen im Jahr 2050 über neun Milliarden Menschen die Erde bevölkern, circa zwei Milliarden mehr als heute. Logistisch wird sich das gesamte Wachstum der Weltbevölkerung vor allem in und um den städtischen Raum abspielen. Doch wie soll die Bevölkerung künftig ernährt werden? Experten arbeiten an einem möglichen Lösungsansatz, dem sogenannten „Vertical Farming“.

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Der Mikrobiologe, Ökologe und Professor für Public Health Dickson Despommier, erläutert in diversen Publikationen und Videoclips, warum nach seiner Ansicht das Vertical Framing der Lösungsansatz für das künftige Ernährungsproblem sein wird. Quelle: The Vertical Farm.

Die vertikale Landwirtschaft soll die Bewohner von Ballungsgebieten mit pflanzlichen und tierischen Erzeugnissen versorgen, so die Vision. Diese Sonderform der urbanen Landwirtschaft soll in Gebäudekomplexen auf übereinander gelagerten Ebenen eine ganzjährige Ernte von Gemüse, Früchten, Speisepilzen und Algen ermöglichen. Denn um dem steigenden Lebensmittelbedarf in Zukunft gerecht zu werden, müssten Acker- und Weideflächen in der Größe Brasiliens erschlossen werden, so die Analyse von Dickson Despommier. Der Mikrobiologe, Ökologe und Professor für Public Health an der New Yorker Columbia University beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit der Problematik und sucht nach Lösungsansätzen, die mehr Nahrung auf weniger Raum produzieren sollen.

Befürworter des Vertical Farming argumentieren vor allem damit, dass sich die Energiekosten für den Transport ggü. der traditionellen landwirtschaftlichen Produktion reduzieren ließen. Auch kämen die Pflanzen fast ohne Schädlingsbekämpfung aus, da sie sich im Innern befinden – „bio“ als ein positiver Nebeneffekt quasi. Durch exakt dosierbare Bewässerungsverfahren könnten zudem bis zu 70 Prozent Wasser eingespart und durch umfassende Kontrollen über Nährstoffe und Beleuchtung, die Erträge maximiert werden – so die Theorie. Diese Kreislaufwirtschaft soll so den Treibhauseffekt des atmosphärischen Kohlenwasserstoffs minimieren. Außerdem kann rund um die Uhr angebaut und geerntet werden, da sich alle erforderlichen Wachstumsbedingungen per Mausklick steuern ließen.

VERTICAL FIELDS AND KITCHEN GARDENS
The Dragonfly: Sieht so unsere Zukunft aus? Nach den Plänen des visionären Architekten Vincent Callebaut rangt aus dem Hudson River in Manhatten künftig ein riesiger Libellenflügel empor. Nicht nur der Obst- und Gemüseanbau, sondern auch die Tierhaltung und Erzeugung alternativer Energien soll hier in ein und dem selben Komplex realisiert werden und tausende Menschen mit Nahrung versorgen. Quelle: Vincent Callebau Architectures.

Das aufsehenerregende Projekt eines 700 Meter hohen Wolkenkratzers namens „Dragonfly“ existiert bislang nur auf dem Papier. Der Name erklärt sich durch die architektonische Form des Gebäudes, die einen Libellenflügel darstellt. Sollte das vom belgischen Architekten Vincent Callebaut geplante Projekt einmal Wirklichkeit werden, so sollen hier auf 132 Etagen Gemüse und Obst gedeihen, Kühe weiden oder auch Hühner und Fische gezüchtet werden. Von den Erträgen der Libelle könnten dann, so der Plan, über 150.000 Menschen leben.

Im schwedischen Linköpig arbeitet das Unternehmen Plantagon bereits an einem Vertical Farming Projekt. In der kegelförmigen Glaskonstruktion soll ab diesem Jahr auf 4.000 überdachten Quadratmetern vor allem asiatisches Gemüse wachsen.

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Modell des geplanten Gewächshauses in Linköping. Konzentriert wird sich auf Gemüse- und Obstsorten, die besonders gut für das Gewächshaus geeignet sind. Quelle: Plantagon, Illustration: Sweco (CC BY 3.0).

Das Vertical Farming stößt aber nicht nur auf Zustimmung: Neben der diskutablen Tierhaltung entgegnen Kritiker vor allem, dass der enorme Energiebedarf, wie etwa die künstliche Beleuchtung der Gewächshäuser, die positiven Effekte wieder ausheben würde. Zudem müssten diese Komplexe erst erbaut werden, was wiederum jede Menge Ressourcen und Energie verschlingt. Einigen Studien zufolge sind die gestapelten Äcker nach dem derzeitigen Stand der Technik somit nicht wirklich eine effektive Alternative.

Die Grundidee des Vertical Farming ist an sich eine geschichtlich weit zurückliegende. Den Etagenanbau hatten die Indigenen Völker im südamerikanischen Regenwald bereits vor der europäischen Kolonisierung. Dieses Wald-Wirtschaftssystem ist in drei Etagen aufgeteilt und bewahrt so den Regenwald weitestgehend in seiner Ursprünglichkeit. Die obere Schicht der „Urwaldriesen“ wird von großen Bäumen wie dem Paranussbaum oder der Kokospalme genutzt, die darunter liegenden Pflanzen vor Sonneneinstrahlung schützen. In der „Baumschicht“ wachsen mittelgroße Pflanzen wie Bananen, Kaffee oder Zitrusfrüchte, die keine pralle Sonneneinstrahlung benötigen. Vom Austrocknen geschützt, wachsen in der „Krautschicht“ bspw. Süßkartoffeln oder Maniok. Dieses System ermöglicht nicht nur einen optimalen Ernteertrag, sondern bewahrt so die Böden vor Erosion und erlaubt eine langfristige Nutzung der Felder.

Aufgrund des rasanten Bevölkerungswachstums und der begrenzter Ressourcen ist die Idee und Umsetzung eines effizienten und zugleich umweltschonenden Nahrungsanbaus wichtiger denn je. Die horizontale Landwirtschaft stellt hierbei einen möglichen Lösungsansatz dar, der aber nach den heutigen Erkenntnissen nicht ganz zweifelsfrei bleibt.

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