Fleischlos glücklich: Veggie-Produkte aus Sicht der Marktforschung (1)

Großunternehmen in der Fleischindustrie wie etwa Rügenwalder, Tönnies oder Wiesenhof, investieren neuerdings stark in die Herstellung von Veggie-Produkten. Obwohl die fleischlosen Angebote bei den meisten Produzenten noch zu den Neulingen im Sortiment zählen, finden sie auf Seiten der Konsumenten bereits großen Zuspruch. Und das nicht nur bei überzeugten Vegetariern oder Veganern, sondern zunehmend auch bei jenen, die sich durch einen geringeren Fleischkonsum bewusster bzw. gesünder ernähren möchten. Nach Angaben des Vegetarierbundes (VEBU) steigt die Anzahl so genannter „Teilzeitvegetarier“, die an drei oder mehr Tagen in der Woche auf Fleisch verzichten, in Deutschland stetig an. Ein wachsender Absatzmarkt also, der bei manchen traditionellen Fleischproduzenten auch schon für Kurskorrekturen gesorgt hat. Im Interview mit GIM Radar spricht GIM Research Manager und Vegantrend-Expertin Julia Eymann über den Trend zu Fleischersatzprodukten. Viel Spaß beim ersten Teil des Gesprächs.

Hallo Julia! Super, dass wir Dich als Vegantrend-Expertin für das Radar-Interview gewinnen konnten.
Ja gerne, es ist ein spannendes Thema, ein Markt auf dem gerade wirklich sehr viel passiert.

Du hast dich ja schon viel mit dem Thema Vegetarismus und Veganismus beschäftigt – einem Lebensstil-Trend, den man zunehmend beobachten kann. Wie lässt sich diese Entwicklung erklären?
Beim Thema Essen geht es heute um viel mehr als „nur“ ums Sattwerden. Die eigene Ernährung ist unter anderem ein Statement, um sich abzugrenzen und im sozialen Gefüge zu verorten. Für manche Menschen ist das Thema Essen und Trinken zu einem regelrechten Statussymbol geworden. Die Individualisierung der Gesellschaft als so genannter „Megatrend“ kommt nicht zuletzt auch in der Vielzahl von Ess-Stilen zum Ausdruck.

Beim Trend zum Vegetarismus lassen sich in diesem Sinne verschiedene Ernährungsstile finden: Die größte Gruppe ist die der Flexitarier, auch „Teilzeitvegetarier“ genannt. Sie reduzieren ihren Fleischkonsum und gehen ganz bewusst mit diesem Lebensmittel um. Dann gibt es die Vegetarier, die sich auch noch mal in Untergruppen differenzieren lassen, je nachdem was sie genau essen.

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Qualität statt Quantität, hochwertiges Fleisch statt minderwertiger Massenware – für die sogenannten „Teilzeitvegetarier“ wird der Fleischkonsum zu einer Frage der Haltung. Foto: Jeanette Schwarz, Cuisine Violette.

Zum Beispiel?
Da gibt es die Ovo-Lacto-Vegetarier, die auf Fleisch verzichten während Lacto-Vegetarier noch zusätzlich Eier weglassen. Zudem gibt es natürlich die kleine aber stetig wachsende Gruppe der Veganer und dann noch die der Rohköstler und der Frutarier. Gemeinsam haben die verschiedenen Ernährungsstile aber alle eines: Hinter ihnen stehen meist feste Überzeugungen, Prinzipien, manchmal sogar Weltanschauungen, die auch Züge einer Ersatzreligion annehmen können. Fragt man heute einen Vegetarier oder Veganer nach seiner Ernährung, dann erhält man eine ganze Palette an Begründungen.

Welche Motive stehen denn hinter solchen bewussten Entscheidungen?
Prinzipiell kann man hier zwei Grundmotive unterscheiden: Einmal die politisch-ethisch-moralischen und dann die hedonistischen Motive. Bei der ersten Motivlage geht es darum, mit seiner Ernährung ein Zeichen zu setzen und durch den Konsum bzw. den Nicht-Konsum gegen gesellschaftliche Missstände aktiv zu werden, wie etwa Massentierhaltung, Tierquälerei oder unmenschliche Arbeitsbedingungen. Bei der zweiten Motivlage geht es vor allem darum, die gesundheitlichen Vorteile der Veggie-Ernährung für sich zu nutzen und ein Mehr an Wohlbefinden, Gesundheit und Beauty zu erreichen.

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Im Radar-Test: Quorn wird zu einer leckeren vegetarischen Bolognese-Sauce verarbeitet. Quorn-Produkte bestehen aus Mykoprotein und sind in Sachen Geschmack, Erscheinung und Konsistenz fleischähnlich. Fotos: Dominique Facciorusso.

Die Frage, was Du isst, ist heute mehr denn je die Frage danach, wer du bist. Wobei sich der Flexitarier, wie das Wort schon nahe legt, eben auch Ausnahmen erlaubt. Das ist auch der Grund, warum die Veggie-Bewegung so viele Anhänger bekommt und sich die Fleischersatzprodukte (darunter auch die Veggie-Wurst) einer so großen Nachfrage erfreuen.

Gutes Stichwort 🙂 Was das Angebot an Fleisch-Alternativen angeht, war im Kühlregal der Supermärkte ja lange Ebbe angesagt. Doch es hat sich einiges getan: Der Umsatz von vegetarischen Produkten hat sich laut VEBU im Jahr 2014 im Vergleich zu 2010 verdreifacht. Wie kommt es zu solch einem Wandel?
Das Image der Vegetarier, aber auch das der Veganer hat sich in den letzten Jahren erheblich verändert. Früher wurden sie noch mit langweiligen Körneressern in Wollpullovern assoziiert, während sie heute mit Gesundheit und Lifestyle in Verbindung gebracht werden. Sie sind „schicker“ geworden, wenn man so will. Die Veggie-Ernährung ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, das sieht man auch an dem wachsenden Angebot in der Gastronomie und im Handel.

Während früher Veggie-Produkte meist nur in Reformhäusern oder Bioläden zu finden waren, werden sie mittlerweile in normalen Supermärkten, Discountern und – vor allem in Großstädten – auch in recht trendigen Spezialgeschäften angeboten. Interessanterweise sieht man bei den Angeboten eine friedliche Koexistenz von Wurst und Vegan.

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Für jeden Ernährungsstil etwas Passendes auf der Karte: Viele Restaurants bieten zunehmend vegane Speisen an. Foto links: Dominique Facciorusso. Foto rechts: Julia Eymann, Karte: Novum, Mainz, www.ballplatzcafe-novum.de)

Das bringt so manchen auch zum Schmunzeln… Oder?
Bestimmt, aber es zeigt vor allem, wie der Markt auf die verschiedenen Konsumentenbedürfnisse reagiert. Auch wenn man einen Blick auf die Speisekarten in der Gastronomie wirft: Da findet man oben die vegane mediterrane Gemüsepfanne und direkt darunter die mit „Fleisch“ überschriebenen Gerichte, wie die doppelte Currywurst mit Pommes.

Im zweiten Teil des Interviews mit Julia Eymann geht es demnächst an dieser Stelle unter anderem um den Impact der Veggie-Produkte auf das Image traditioneller Wursthersteller…

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte direkt an GIM Research Manager und Vegantrend-Expertin Julia Eymann (j.eymann@g-i-m.com).

Julia Eymann

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