Das Vinyl-Comeback: Die Schallplatte schlägt zurück!

Die seit Jahren steigende Nachfrage nach Vinyl-Schallplatten scheint in einer zunehmend schnelllebigen und von „virtuellen Songs“ geprägten Musikbranche zunächst irritierend. Die Zahlen sprechen aber für sich.  Obwohl der Absatz verkaufter Musikalben (CDs und Mp3) im Vergleich zu 2013 insgesamt zurückgeht, verzeichnet die Sparte der Schallplatten in den USA in diesem Jahr eine Umsatzsteigerung von 40 Prozent, in Deutschland sind es 34,5 Prozent. Neben Klassikern wie Pink Floyd oder den Beatles werden zunehmend auch Platten aktueller Künstler oder remasterte Alben mit Bonusmaterial wie z.B. Interviews oder bisher unveröffentlichten Songs gekauft. 

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Bildquelle: Dokumentarfilm „Why Vinyl?“ von Natalie Green.

Erst kürzlich veröffentlichte Ergebnisse einer Studie zum Return of Vinyl bestätigen ebenfalls diese Tendenz. So finden sich in sozialen Medien vermehrt Kommentare zu Schallplatten, die überwiegend positiv sind und vor allem Kaufabsichten andeuten. Indie-Musik ist hierbei das Genre, das am häufigsten erwähnt wird. Interessanterweise geht es bei den Kommentaren weniger um die Klangqualität. Vielmehr stehen remasterte Aufnahmen im Fokus. (Der Vorgang des Remastering kann von einer Erhöhung der Klangqualität bis hin zu einer komplett neuen Mischung des Albums reichen.) Die negativen Statements befassen sich laut Studie vor allem mit dem Hype, der sich um die Schallplatten gebildet hat.

Bis in die späten 90er Jahre galt: Wer Musik hören will, geht in Nachtclubs, Discos oder das Fachgeschäft. Musik zu hören oder exklusive Informationen zum Thema zu bekommen, war zwangsläufig mit Geld ausgeben verbunden. Die Identitätsfindung über Musik war damals sehr bedeutend, daher war es für Musikliebhaber enorm wichtig, die Codes ihres Musikgenres zu kennen. Der Plattenladen galt hier als Ort der Begegnung, an dem man mit Musik, Gleichgesinnten und kompetentem Personal in Kontakt kam. Mit dem Aufkommen der CD wurde die Vinyl vom Mainstream auf den Speicher verbannt, nicht zuletzt weil sie sperrig und ineffizient wirkte. Und wie sieht es heute aus?

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Neben Klassikern wie hier den Beatles werden zunehmend auch Alben aktueller Künstler auf Vinyl angeboten. Bildquelle: Dokumentarfilm „Why Vinyl?“ von Natalie Green.

Der Musikkonsum erlebt gegenwärtig einen enormen soziokulturellen Wandel: Man muss Musik nicht mehr besitzen, um sie zu hören (siehe Spotify & Co.) und dank immer intelligenterer Geräte ist sie so mobil wie nie. Auch die Hörsituation im trauten Heim basiert zunehmend auf neuester High Technology: Gadgets wie Bluetooth-Lautsprecher, synchronisierende Smartphones u.v.m. haben das Hörerlebnis revolutioniert. Und trotzdem hat eine Generation den Plattenspieler als Wohnaccessoire wiederentdeckt. Wie kommt das?

Virtualisierung, Globalisierung, Komplexität, Beschleunigung – Blockbuster-Tendenzen wie diese prägen unser Leben heute, rufen deshalb aber auch zwangsläufig Gegentrends in unterschiedlichen Lebensbereichen hervor: Die Suche nach Lokalem, Handgemachtem, Einfachem, „Echtem“, nach Erlebbarem. Die Vinyl dockt an diese tiefliegenden Bedürfnisse der Menschen an und reiht sich damit in eine bunte Riege ein, die bei Markenphänomenen wie „Manufactum“ anfängt und bei Trends wie „Urban Gardening“ aufhört. Das wachsende Interesse an Vinyl kann daher auch als ein Bedürfnis nach einer „slow experience“ gedeutet werden und nach Rückbesinnung – gepaart mit einem Schuss „Retro“-Gefühl.

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Die Nachfrage nach farbigem Vinyl steigt. Bildquelle: Dokumentarfilm „Why Vinyl?“ von Natalie Green.

Daneben ist der Trend um die Schallplatte, genau wie der um analoge Fotografie, (wieder) im Mainstream angekommen. Vor allem von der jüngeren Generation wird Vinyl als Differenzierungsmerkmal genutzt, um sich von den Peers abzugrenzen. Schnell hat man sich die Codes via Internet angeeignet. Im Vergleich zu früher hat die identitätsstiftende Funktion der Musik für den Mainstream heute aber an Bedeutung nachgelassen.

Was heißt das also für den guten alten Plattenladen? Der steht mittlerweile enorm unter Druck und verliert an funktionaler Bedeutung – „Reinhören“ kann man heute auch über Streaming-Dienste, gekauft wird via Amazon und Co. Ausgerechnet das Web bietet mit seinem schier unendlichen Angebot an internationalen Künstlern und der Vielfalt an spezialisierten Online Communitys all das, was das Herz eines eingefleischten Vinylfans begehrt. Der Trend steigt, dass sich diese ihre Platten direkt beim Künstler oder Label bestellen, um die Kreativen so direkt zu unterstützen. Das Crowdfunding-Phänomen unterstreicht diese Entwicklung.

Ob es sich beim derzeitigen Anstieg an Konsumenten von Schallplatten nur um einen vorübergehenden Trend handelt bleibt abzuwarten. Was den Plattenladen in Konkurrenz zum Web angeht, so muss man immer den Mehrwert sehen, den das Internet bietet. Die Herausforderung für die Händler besteht heute daher darin, mehr als „nur“ Vinyls zu verkaufen – sei es durch Cross Selling, einen Onlineshop oder ein sehr breit aufgestelltes bzw. besonders exklusives Angebot an Schallplatten.

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