Toutiao – Kommt die Zukunft der Nachrichten aus China?

Insgesamt wuchs vergangenes Jahr auf Toutiao die Zahl aller amtlichen Kanäle von chinesischen Regierungsstellen innerhalb von zwölf Monaten von 4000 auf 35.000, eine Steigerung um fast 800 Prozent. Sie produzierten insgesamt 2,4 Millionen Geschichten und Videos auf den Propagandakanälen der Regierung. Diese Einträge wurden in dem Zeitraum insgesamt 8,2 Milliarden Mal von den Nutzern gelesen. Die Zeit, die die chinesischen Toutiao-Nutzer auf den Propagandaseiten der Regierungsstellen verbrachten, betrug zusammengerechnet über 14.000 Jahre.

Deutschland hat Facebook und WhatsApp, China hat Weibo und WeChat: die Social-Media-Landschaften der beiden Länder unterscheiden sich stark voneinander. Während Facebook und WhatsApp in weiten Teilen Europas und Amerika stark verbreitet sind, haben sie in China – unter Anderem auch aufgrund der staatlichen Internet-Zensur-Maßnahmen vor Ort – nicht richtig Fuß fassen können. Auch Giganten wie Google scheiterten in der Vergangenheit an den lokalen Gegebenheiten.

Aufgrund dieser Rahmenbedingungen konnten sich in den letzten Jahren in China vor allem lokale Dienste und Netzwerke durchsetzen, die nun von Millionen Chinesen täglich genutzt werden, um sich zu informieren und zu kommunizieren. Während Weibo und WeChat inzwischen auch in anderen Teilen der Welt relativ bekannt sind, ist der Dienst „Toutiao“ nach wie vor relativ unbekannt.

Zu unrecht: in 2017 hatte der 2012 von dem damals 33 Jahre alten Chinesen Zhang Yiming gegründete Informations- und Nachrichten-Dienst 120 Millionen täglich aktive Nutzer. In den sechs Jahren seit der Gründung ist Toutiao damit zur größten mobilen Informations-Plattform in China angewachsen, das heisst: über keine andere Seite oder Plattform informieren sich die Menschen in China mehr. 90% der Nutzer sind unter 30 Jahre alt und verbringen auf der Seite im Schnitt 76 Minuten pro Tag.

Toutiao versorgt Nutzer vor allem mit lokalen Nachrichten aus China. Die Nachrichten werden mit Hilfe von machine learning Algorithmen auf die Interessen der jeweiligen Nutzer abgestimmt. Die Startseite ähnelt in diesem Sinne der ebenfalls auf Nutzer-Interessen abgestimmten Startseite von Facebook und weniger der Startseite traditioneller Nachrichten-Dienste, die in der Regel einem „one size fits all“ Prinzip folgt. Auch unterscheidet sich Toutiao von traditionellen Nachrichten-Diensten, weil sie selbst lediglich die technische Plattform liefern, jedoch keine Inhalte.

Inzwischen ist selbstverständlich auch die chinesische Regierung auf Toutiao aufmerksam geworden und nutzt den Dienst verstärkt zur Verbreitung von parteiischen, nicht neutralen Informationen. Wie FAZ berichtet, wuchs vergangenes Jahr die Zahl der Kanäle von chinesischen Regierungsstellen von 4.000 auf 35.000.

Wir sind gespannt, ob Plattformen wie Toutiao traditionellen Nachrichten-Diensten in Zukunft auch auch in Europa Konkurrenz machen werden.

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