Die Fußball WM und der neue Deutsch-Schweizer Frühling

Unser Kollege Jörg Riedo von GIM Suisse reflektiert das traditionell sensible Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen nach der Weltmeisterschaft 2014 in einem neuen Licht. (Foto Deutschland-Trikot: Tim Reckmann, www.pixelio.de)

Die Fußball-WM ist vorbei, Deutschland erholt sich vom Feiern, die FIFA-Karawane ist längst weitergezogen und hinterlässt sündhaft teure Sporttempel, von denen künftig nicht wenige ungenutzt bleiben werden. In den Favelas herrscht wieder gewohnte Tristesse, die durch das Abschneiden der „Selecao“ nicht gerade bunter geworden sein dürfte. Was also bleibt von der großen Party? Der vierte Stern auf den Trikots der deutschen Kicker, klar. Und sonst?

Trikot
Foto Deutschland-Trikot: von Tim Reckmann, www.pixelio.de

Seit etwa einem Jahrzehnt sind die Deutschen die größte Zuwanderergruppe der Schweiz. Während dieser Zeit ist einiges passiert, das zu Irritationen zwischen den beiden Staaten geführt hat – Stichwort zum Beispiel: Steuerflüchtlinge. Aber auch sonst ist das Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen stets etwas…sagen wir „speziell“ gewesen.

Doch im Kontext der WM konnte man in der Schweizer Presse vermehrt über eine neuartige Zuwendung der Helvetier zu den Deutschen lesen. Dazu beigetragen habe, so war zum Beispiel in einem  Online-Artikel des Tages Anzeigers zu lesen, vor allem auch die Fussball-Weltmeisterschaft in Brasilien mit den siegreichen Deutschen – und das obwohl gerade im Fussball die Missgunst auf Schweizer Seite traditionell besonders hoch ist. Insbesondere die Natürlichkeit und eine „atemberaubende Unscheinbarkeit“ (Headline) habe die Deutschen zu Trendsettern des ‘Normcore‘ gemacht und damit viel Sympathie (auch) in der Schweiz ausgelöst. Was ist davon zu halten?

Zweifelsohne haben Müller, Lahm, Klose und Co. mit ihrem unverkrampften Auftreten der dem typischen Fussballer (Achtung Klischee!) eigenen Egozentrik und Selbstverliebtheit ein erfrischendes, überraschendes Selbstverständnis entgegengesetzt. Und daneben auch noch sehr ordentlich Fussball gespielt. Aber können ungezupfte Augenbrauen, nicht vorhandene Tatoos, authentische Interviews und ein spürbarer Teamspirit wirklich ein derart fundamentales Umdenken bewirken?

Hipster Normcore
Hipster vs. Normcore

Der Zeitungsbeitrag definiert „Normcore“ als Gegenfolie zum aktuellen Hipster-Kult. Damit muss man nicht unbedingt einverstanden sein, da der Hipster mit Bartwuchs und scheinbar unprätentiösem Kleidungsstil per se schon Natürlichkeit und Authentizität ausstrahlen will. Allerdings wirkt diese oft bewusst inszeniert – ergo: alles andere als natürlich! An dieser Stelle lohnt ein Blick zu den während der WM ebenfalls prominent begutachteten Spielerfrauen (auch wags „wives and girlfriends“ genannt). Im Kontrast zu ihren Partnern scheinen sie sich dem „Normcore“-Trend eher zu entziehen: Verzicht auf Epilation und Make-up scheint für sie (darunter viele Models) eher keine Option zu sein. Unmöglich ist es hingegen zu beurteilen, wie männliche Partner von Fussballern sich verhalten. Es gibt ja bekanntlich keine schwulen Fussballer. Sondern nur schwule Ex-Fussballer!

Auf diversen Videoportalen gibt es Kurzfilme, die mit den Klischees des Hipster-Kults und des Normcore-Trends spielen:

Aber zurück zum atmosphärischen Frühling zwischen Schweizern und Deutschen: weitere Medienberichte verkünden, dass man sich auf einer anderen – nicht-fussballerischen – Ebene annähert, wo lange Unstimmigkeiten und Irritationen vorherrschten: beim Zusammenleben mit den deutschen Zuzüglern. Gerade (oder besser ausgerechnet) die hohe Anzahl an Einwanderern, so die These, habe dazu beigetragen, die traditionellen Irritationen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen in die aktuelle Annäherung umzukehren: je höher die Anzahl an Einwanderern, desto höher die Wahrscheinlichkeit dass eine Mehrheit der Schweizer Deutsche kennen- und schätzen lernt und Vorurteile beidseitig widerlegt werden können. Die Masse macht’s also offenbar!

Der satirisch-dokumentarische Kinofilm „Der große Kanton“ von Viktor Giacobbo läuft seit Juli 2014 in den deutschen Kinos. Es soll hier die Idee erörtert werden, Deutschland als neuen Kanton an die Schweiz anzugliedern.

Abschließend mutet es doch einen Tick zu romantisch an zu glauben, dass ein Sportturnier – und sei es das wichtigste der Welt – zwei Kulturen einander näher bringen kann, zwischen denen es gerne knirscht. Und doch lassen sich – jedenfalls momentan – überraschende „good vibes“ innerhalb der Schweizer Gesellschaft Richtung nördlicher Nachbar wahrnehmen. Warten wir einfach mal die nächste Europameisterschaft ab, im Sinne Sepp Herbergers: „Vor dem Spiel ist nach dem Frühling!“

Von Jörg Riedo

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