Mobilitätsforschung: Dr. Kerstin Ullrich

In unserer Rubrik “Am Kicker mit” erhalten wir von unseren GIM-Kollegen spannende Einblicke in unterschiedliche Marktforschungs-Themen. Dr. Kerstin Ullrich, Corporate Director für Automotive und Mobility Research bei der GIM, über Trends in der Mobilitätsforschung.

Hallo Kerstin und herzlich Willkommen am Kicker!
Hallo Frank!“

Schon wieder ein Neuling hier am Tisch – oder hast Du schonmal gespielt?
Nee, noch nicht, aber bei Eurem Kicker-Turnier war ich manchmal hier unten und hab angefeuert.

Okay, auch gut. Soweit vorab: hier wird niemand geschont – auch keine Rookies! 🙂
Ui, ich bin schon am Schlottern… 🙂

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Kerstin Ullrich am Kicker: Rookie mit Potenzial

Du forschst als Corporate Director bei der GIM auch im Bereich Automotive & Mobility – was genau muss man sich denn darunter vorstellen, bzw. in welchen Branchen wird denn da geforscht?
Bei dem Forschungszweig geht es um mehr als das Auto als Produkt, sondern auch um das Mobilitätsverhalten von Menschen. Klar, die klassische Automotive-Forschung, das sind große internationale Projekte – die klassischen „Car Clinics“ eben. Da steht das Auto im Mittelpunkt. Aber daneben hat sich ein Forschungsbereich etabliert, der das Mobilitätsverhalten von Konsumenten ergründet – meistens geht es um urbane Zentren.

Der Hintergrund hierfür ist, dass das Auto in allen Ballungszentren weltweit unter Druck gerät. Sei es aus umweltpolitischen Motiven oder weil die Verkehrsfluss- und Parkplatzprobleme so groß sind, dass die Menschen auf andere Verkehrsmittel wie U-Bahn oder Fahrrad umsteigen, bzw. mit dem Auto koppeln. Und genau an dem Punkt fächert sich der Forschungszweig auf: Da geht es um Elektroautos, um e-bikes in jeder Ausprägung, um intermodale Mobilität, um Infrastruktur für e-Ladezonen, um das Thema smart grid, um neue Mobilitätskonzepte…und vieles mehr.

Das hört sich ziemlich komplex an – und Mobilität betrifft ja wirklich irgendwie jeden mehr oder weniger täglich. Braucht es da bestimmte Voraussetzungen oder Hintergründe, um gute Forschung machen zu können?
Na ja, man muss in der Lage sein, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen in den relevanten Märkten zu bewerten, ebenso wie die Strategien der politischen Akteure. Mobilitätsverhalten ist nicht nur eine Frage von „pull-Faktoren“, also sich ändernden Routinen, Einstellungen und Werten in einer Gesellschaft, sondern wird ganz klar auch durch „push-Faktoren“ bestimmt, also durch politische Vorgaben.

Bestes Beispiel ist China: Das Land ist eine Diktatur, machen wir uns nix vor, und wenn „von oben“ die Ansage kommt, dass nur noch Elektroautos oder e-bikes in die Ballungsräume dürfen, dann wird das durchgezogen. Und zwar zackig. In westlichen Demokratien braucht es hierfür sehr viel länger, weil hier Aushandlungsprozesse aller relevanten Akteure laufen – was ja auch gut so ist! Hier müssen wir immer auf dem aktuellen Stand sein, um auf Augenhöhe mit unseren Kunden kommunizieren zu können. Meine Erfahrung im Bereich Trendforschung hilft mir da natürlich sehr.

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Interessantes Marktforschungs-Thema, aber eher einseitige Partie. Spaß hat’s dennoch gemacht (Beiden)

Du bist ja auch GIM-Expertin für Innovationsforschung. Hat Mobilität nicht automatisch damit zu tun?
Hm, nicht automatisch. Aber wenn es um die Frage nach neuen Mobilitätskonzepten geht, dann sicherlich. Mein Einstieg in dieses Forschungsfeld 2008 war ja auch eher ein Trend- und Innovationsprojekt für einen unserer Kunden. Die Kernfrage damals war: welche neuen Mobilitätskonzepte und Formen intermodaler Mobilität werden in Zukunft in globalen Megacities erfolgreich sein? Seitdem gibt es immer wieder mal Projekte, die stärker auf die Entwicklung von neuen Mobilitätsansätzen ausgerichtet sind. Und hier greife ich natürlich auf alle klassischen Projektdesigns zurück, wie zum Beispiel Kreativ-Workshops, Co Creation, Lead-User-Ansätze und so weiter. Obwohl man sagen muss, dass die Automobilkunden eher zögerlich sind wenn es um innovative Methodendesigns geht…

Was sind denn aus Deiner Sicht derzeit die spannendsten Trends in den globalen „Mobilitätsmärkten“ – was interessiert unsere Kunden am meisten?
Da sind zum einen die sehr gegensätzlichen Trends zu SUVs einerseits und Kleinstautos andererseits. Während mit SUVs große Erträge erzielt werden und daher dieser Trend natürlich für die Hersteller willkommen ist, haben Kleinstautos eine geringere Marge. Und wenn man keine Plattformstrategie hat und keine Kooperationen eingeht, muss man eine komplette Neuentwicklung aufsetzen. Da wird sehr genau geforscht ob sich das rechnet! Dann natürlich das Thema Elektromobilität. Nicht nur Autos, sondern auch Zweiradkonzepte werden hier unter dem Aspekt des Marken- und Produkt-Stretching beforscht. Und was Antriebe angeht: es wird auch spannend sein zu sehen, wie es mit Wasserstoff weitergeht – da hat Toyota ja ganz aktuell sein erstes Serienauto vorgestellt!

Sag‘  mal, machen wir auch eine Halbzeitpause? Ich muss ja hier ununterbrochen reden…

Eine weitere Frage, an der unsere Kunden arbeiten, ist das Thema „first mile“ bzw. „last mile“, also die kurzen Strecken, zum Beispiel von zuhause zur Haltestelle, bzw. Haltestelle zum Arbeitsplatz. Das ist eine Frage, die für viele Pendler relevant ist. Hier geht es wirklich schon in die Mikro-Mobilität. Da diskutiert man über e-Falt-Räder oder e-Tretroller. Manchmal geht mir das dann schon zu weit und ich denk mir, mein Gott, man kann auch mal zu Fuß gehen…

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Radar-Redakteur Luschnat: Themenvertieftheit der Gegenerin schamlos ausgenutzt!

Ganz nebenbei: ich führe 6:0! Der Trost für Dich: das Thema ist wirklich interessant! Was denkst Du auf Basis unserer Studien: Wird das ‘was mit der Elektromobilität?
Ich hol‘ noch auf, warte nur ab! Das mit der E-Mobility hängt ganz entscheidend von der öffentlichen Infrastruktur ab. Die Wenigsten könnten heute ein e-Fahrzeug bei sich zu Hause laden, eigentlich nur Menschen, die außerhalb des Stadtzentrums wohnen und eine Garage besitzen. Deshalb sind öffentliche juice points – wie man die Ladestationen nennt – überall dort, wo man sich mit dem Auto länger aufhält, unabdingbar. Hier ist definitiv der Staat gefragt.

Und dann ist da natürlich die Reichweite. Man kauft mit einem Auto auch immer eine Vielzahl an Einsatzmöglichkeiten. Ein Fahrzeug nur für einen bestimmten Einsatzzweck, z.B. Pendeln oder Kurzstrecke, wird immer ein Zweitauto bleiben, zumindest hier in Deutschland. Und das ist für eine Mittelschicht, deren Kaufkraft sowieso schon sinkt, keine echte Option. Hier sind Hybridautos den reinen Elektroautos überlegen.

Wir sind fast durch, Kerstin, Mobilitätsforschung war unser Thema. Zum Abschluss hätte ich gerne noch Deine 3 ‘Blockbuster-Statements‘ zu diesem Thema!
1. Elektroautos alleine lösen keine Mobilitätsprobleme: Stau ist Stau, ob im Diesel, Benziner oder im E-Auto!
2. Mobilitätsverhalten ist eine kulturell aufgeladen Alltagspraxis – und hier muss mehr geforscht werden!
3. Die Menschen sollten öfter mal Radfahren – ganz und gar ohne ‚e‘, einfach so mit Pedalen!

Super, Merci dafür. Und als Dank heb‘ ich meinen Torwart an – und Du darfst auch mal einen reinmachen!
Gerne, Frank, und übrigens: das ist MEIN Torwart, den Du da grade lupfst!

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