Essen ohne Stress: die Kochbox – Teil 2

Bereits letzte Woche haben wir hier über den Trend der Kochbox berichtet. Lest heute den zweiten Teil des Radar-Interviews mit GIM Food-Expertin Dr. Mirjam Hauser. Unter anderem geht es um den allgemeinen Wandel unserer Esskultur, die Reaktionen seitens der Lebensmittelindustrie auf die sich verändernden Konsumentenbedürfnisse sowie um die Frage, inwiefern Kochboxen überhaupt eine Zukunft haben.

Lösen wir uns mal vom Hype um die Abokiste und betrachten Entwicklungen wie diese auf der Meta-Ebene: Inwiefern lässt sich ein Wandel der Esskultur in unserer Gesellschaft beobachten?

„Convenience“ ist, wie das Beispiel Kochboxen aufzeigt, ein großes Thema. Aber es zeigt sich auch ein Wertewandel: Menschen wollen trotz den Zwängen des Alltags umfassend gut essen. Das heißt sie wollen möglichst natürlich, saisonal, regional, nachhaltig, gesund und geschmackvoll essen. Das spiegelt sich in diversen Labels und Marken wider, nur scheint es leider noch kein ganzheitliches Angebot zu geben. Die eine Marke steht für Regionalität, die andere für gesunde Ernährung und wieder eine für Bio und Nachhaltigkeit. Das heißt letztendlich, dass man sich für das Eine und gegen das Andere entscheiden muss. Das frustriert viele Konsumenten.

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Bei den Kochboxprofis aus Berlin kann man in Verbindung mit einer Box auch Obsttüten in verschiedenen Größen dazu bestellen (2,5 kg für ca. 10 € und 4 kg für ca. 15 €) ! Fotos: Dominique Facciorusso.

Oh ja, das kommt mir bekannt vor 🙂 Welche anderen übergreifenden Entwicklungen lassen sich neben Kochboxen & Co noch im Food-Bereich festmachen?  

Viele neue Angebote versuchen derzeit Convenience mit den neuen Werteansprüchen zu kombinieren. Es gibt zum Beispiel vermehrt wieder kleinere, kuratierte Supermärkte, die ein ausgewähltes und damit beschränktes Sortiment haben – dafür ist es aber auch überschaubarer. Zudem gibt es zunehmend Angebote, die das Fix-Fertig-Menü neu interpretieren. Beispiele wären da so genannte Frisch-Convenience oder Ready-to-cook Produkte. Dadurch versucht der Supermarkt der Gastronomie Marktanteile abzugewinnen. Denn die profitiert natürlich auch vom Trend der Flexibilisierung und Convenience: Im Gastro-Bereich wird vermehrt auch gutes (sprich: natürliches, saisonales, gesundes, etc.) Essen angeboten, das man mitnehmen oder sich liefern lassen kann.

Die Ready-to-cook Produkte sind ebenfalls ein sehr interessantes Thema! Dazu wird es übrigens auf dem Radar bald ein Interview mit Julia Eymann geben. Aber zurück zu Dir: Welche Entwicklungen sind im Food-Bereich derzeit noch zu sehen?

Es gibt auch diverse Angebote, die on- mit offline verbinden – sowohl im Handel als auch in der Gastronomie: Zum Beispiel geht der Kunde im Laden einkaufen und lässt sich aber alles nach Hause liefern. Oder er kauft online ein und holt das Ganze vor Ort oder etwa am Bahnhof ab.

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So noch nie gekocht: Penne in Avocado-Creme mit Ziegenfrischkäse und gerösteten Mandeln von Kochhaus. Auffällig: Die Rezepte von Kochhaus sind ausgefallen und dauern jeweils nicht länger als 30 Minuten in der Zubereitung. Fotos: Dominique Facciorusso.

Wirklich sehr spannende Entwicklungen! Sind Angebote wie die Kochboxen erst der Anfang dieses Wandels? Sprich, wird es in Zukunft überhaupt noch von Interesse sein, einen Supermarkt zu betreten bzw. sich Rezepte selbst zu überlegen, die man kocht?

Wenn sich das Online-Angebot qualitativ entsprechend weiterentwickelt, werden wir in Zukunft wohl noch häufiger online einkaufen als es heute der Fall ist. Insbesondere, wenn die Nutzerfreundlichkeit (Usability) verbessert wird. Nichtsdestotrotz werden Orte wie der Supermarkt oder Restaurants nicht verschwinden. Denn sie haben den Vorteil, dass man dort in die Welt des Essens eintauchen kann: Bislang ist es nur vor Ort möglich, mit allen Sinnen (sehen, riechen, spüren, und natürlich auch schmecken) das Essen zu erleben. Das ist ein Riesenvorteil. Und genau das versuchen viele Orte auch umzusetzen, sprich: Mehr Marktatmosphäre, mehr Begegnungsmöglichkeiten, mehr Inspiration und mehr Interaktionsmöglichkeiten. Die Konsumenten wollen wieder mehr über die Herkunft, die Verarbeitung und die Zubereitungsmöglichkeiten ihrer Lebensmittel erfahren.

Inwieweit handelt die Lebensmittelindustrie bereits nach diesen Konsumentenbedürfnissen?

Die Händler und Gastronomen stehen hier erst am Anfang. Einige haben die Trends zwar schon aufgegriffen, aber es bleibt noch viel zu tun, wenn sie die Bedürfnisse und Wertehaltungen der Konsumenten umfassend umsetzen wollen. Die Dilemma und Wertekonflikte, vor denen die Konsumenten heute in ihren Kaufentscheidungen stehen, sind noch viel zu häufig anzutreffen. Sprich: Sie müssen sich viel zu häufig zwischen zum Beispiel „Bio oder regional? Gesund oder Convenience?“ entscheiden.

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Alle Gerichte werden kleinschrittig angeleitet. Fotos: Dominique Facciorusso.

Zurück zur Box: Wagen wir mal einen Ausblick in die Zukunft: Haben die Kochboxen aus Sicht der Marktforschung überhaupt Zukunft?

Wenn man die aktuelle Angebotsbreite und Verbreitung des noch eher neuen Geschäftsmodells betrachtet, kann man schon sehen, dass eine gewisse Nachfrage besteht. Der Anbieter Kochhaus baut zum Beispiel sein Angebot seit Jahren kontinuierlich aus. Auch in der Schweiz und in Österreich gibt es ähnliche Angebote, wie etwa Kochabo. Ob die anfängliche Neugierde auch befriedigt wird und sich aus den Boxen längerfristig ein echter Mehrwert für die Konsumenten erschließt, der das Angebot auf lange Sicht interessant macht, muss sich jedoch noch zeigen. Ich glaube aber, dass solche Angebote durchaus Potential in der Zukunft haben. Vor allem, wenn sie dann längerfristig auch mit dem Online-Lebensmitteleinkauf verbunden werden können. Sprich wenn man künftig zum Beispiel auch noch die Milch fürs Frühstück, das Toilettenpapier und andere Artikel dazu einkaufen und sich alles auf einmal liefern lassen kann.

Inwiefern könnten Kochbox-Anbieter für die Konsumenten auch in Zukunft interessant bleiben?

Sie könnten noch auf weitere spezifische Zielgruppen ausgeweitet bzw. gezielter an diese gerichtet werden. Man könnte etwa biologische oder regionale Boxen anbieten, Boxen für Allergiker oder Schwangere, etc.. Die sogenannten Gourmet-Boxen sind ein Beispiel wie man die Kochbox-Idee weiterentwickeln kann: Hier verspricht man dem Kunden das Restaurant-Erlebnis für Zuhause, indem die von Köchen zubereiteten und vakuumierten Gerichte zu Hause nur noch erwärmt werden müssen. Anbieter hierfür gibt es bereits!

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Alternative zum Selbstkochen: Angepriesene Gourmetküche per Kurier, vorgegart und vakuumiert. Ist alles einmal erwärmt, müssen mehrere Beutel recht zackig mehr oder weniger gleichzeitig angerichtet werden, damit nichts auskühlt. Bei Eating with the Chefs kostet ein Hauptgericht zwischen 10 und 15€. Geschmacklich hat es uns für den Preis und die Menge leider nicht so sehr überzeugt. Fotos: Dominique Facciorusso.

So, jetzt habe ich aber einen riesen Hunger! Mirjam, herzlichen Dank für deine Zeit! Über dieses spannende Thema kann man wirklich Stunden sprechen, ohne dass es langweilig wird 🙂 Auf bald hoffentlich…

Danke, gleichfalls!

GIMSuisse_Mirjam_Hauser

Nach sieben Jahren beim Gottlieb Duttweiler Instititute (GDI) nun Teil des Teams bei der GIM Suisse: Trend- und Zukunftsforscherin Dr. Mirjam Hauser. Erfahrt hier mehr zu ihrem Aufgabenbereich als Marktforscherin.

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