Essen ohne Stress: die Kochbox – Teil 1

Kennt Ihr den neuen Hype um das Essen auf Rädern? Damit ist nicht der Malteser-Menüservice für Senioren gemeint 🙂 Es geht um Start-Ups wie Kochzauber, HelloFresh, Marley Spoon, Kochboxprofis oder Kochhaus, die mit ihrer Geschäftsidee die klassische Gemüsekiste neu interpretieren. Wie funktioniert das? Und: Was sind die Vor- und Nachteile der Boxen? – Antworten auf diese und weitere Fragen findet ihr hier im ersten Teil des Radar-Interviews mit GIM Food-Expertin Dr. Mirjam Hauser.

Hallo Mirjam! Erst mal: Ich freue mich sehr, dich endlich mal persönlich kennen zu lernen. Vielen Dank für das Interview!

Danke, freut mich ebenfalls!

Das Food-Thema ist ja derzeit in aller Munde 🙂 Da bist du als Expertin momentan sehr gefragt, wenn es um das Thema Esskultur geht. Erst kürzlich hattest du beim Deutschlandfunk einen wirklich spannenden Radiobeitrag zu den aktuellen Trends und Entwicklungen im Food-Bereich.

Danke ja, Essen war natürlich immer schon ein fundamental wichtiges Thema für die Menschen. Aber unsere Lebensgewohnheiten haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert: Es sind zum Beispiel heute vermehrt Frauen arbeitstätig und wir nehmen auch längere und insgesamt mehr Arbeitswege auf uns. Der Alltag hat an fixen Strukturen und Regelmäßigkeit verloren. Im Schnitt verwenden wir auch immer weniger Zeit für die Zubereitung und das Kochen von Essen. Das hat natürlich Auswirkungen darauf wie, wann, wo und was wir essen.

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Bei Kochzauber erhalte ich die Kochbox kleine Helden: Frische Pasta mit Gemüse-Curry-Sauce und Mandeln (aufwendig in der Zubereitung), Fischfilet im Ratatouille-Gemüse-Päckchen mit Tomatenreis und Kartoffelgulasch mit Würstchen (sehr lecker!). Kostenpunkt: 49,90 €. Die Portionen reichen für eine 4-Köpfige Familie. Fotos: Dominique Facciorusso.

Und da kommt das Geschäftsmodell der Kochboxen ins Spiel, um die es heute gehen soll. Fangen wir vielleicht mal von vorne an: Was kann man sich unter einer Kochbox eigentlich vorstellen?

Da gibt es ganz verschiedene Angebote, aber das Grundprinzip ist, dass man eine fertig portionierte Mahlzeit fürs Zuhause bekommt. Das heißt, alle Zutaten die ein bestimmtes Gericht benötigt sind schon in der entsprechenden Menge abgepackt und werden inklusive Rezept verschickt. Man muss sich also keine Gedanken mehr dazu machen, was man kocht und welche Zutaten es hierzu braucht. Mit ein paar Klicks kriegt man alles auf ein Mal. Bei einigen Angeboten holt man diese Boxen in einem Laden ab, bei anderen wird es sogar direkt vor die Haustüre geliefert.

Und woher stammt der Trend, sich auf Rezepte abgestimmte Zutaten nach Hause liefern zu lassen?

Wie vorhin kurz angeklungen, leben wir heute einen sehr flexiblen Alltag, in dem Einkaufen und Kochen keinen fixen Routinen mehr unterliegt. Im Vergleich zu früher nimmt das Kochen auch zunehmend weniger Zeit in Anspruch. Und dennoch: Viele Menschen möchten nicht auf Selbstgekochtes verzichten und z.B. nur ein Fertiggericht in die Mikrowelle schieben. Hier setzen die Kochboxen an: Sie erlauben es Zeit zu sparen.

Also ich habe aufgrund des Artikels ein paar Boxen quer Beet ausprobiert. Die meisten Gerichte waren wirklich sehr lecker und teils auch raffiniert, haben mich aber in der Zubereitung anbieterübergreifend oft mehr Zeit gekostet, als ich normalerweise unter der Woche ins Kochen investiere.

Dafür entfällt die Zeit bei den Schritten davor: Man muss das Menü nicht mehr selber planen, einkaufen und nachhause transportieren. Man braucht sich also nicht mehr zu überlegen, was man denn heute kochen soll und wie bzw. wo man die Zutaten beschaffen kann. Diese „gesparte“ Zeit kann man dann in die Zubereitung der Mahlzeit stecken.

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Die Box von Marley Spoon enthält 3 Gerichte für je 2 Personen, Kostenpunkt: 48 Euro. Die Gerichte können wöchentlich selbst zusammengestellt werden. Jede Tüte enthält die Zutaten für ein Gericht, gekühlte Lebensmittel sind separiert. Auffällig: Sehr ansprechendes Design und wenig Plastikmüll! Fotos: Dominique Facciorusso.

Was macht konkret den Reiz einer Kochbox aus?

Das eine ist sicher der erwähnte Aspekt der Convenience, das andere ist aber die Inspiration. Manche tun es, weil sie damit ganz neue Rezeptideen bekommen – es geht hier also auch darum „einfach und bequem“ Neues zu lernen. Zwar ist das Internet voll von tollen Rezeptideen, Kochblogs und Videos, aber sich durch die Rezepte-Flut durchzuwühlen ist für viele zu aufwendig. Da die Kochbox-Anbieter meist ein überschaubares und wöchentlich wechselndes Repertoire an Rezepten vorgeben, aus dem der Kunde auswählen kann, kommt das vielen sicherlich gelegen.

Man begrenzt also die Qual der Wahl 🙂 Und stimmt: Ich koche täglich und gerne auch abwechslungsreich, trotzdem waren sehr viele Rezepte aus den Kochboxen Neuland für mich – Sowohl was die Zusammenstellung der Zutaten, als auch die Art der Zubereitung angeht.

Vielen geht es wohl so: Oft nimmt man sich vor, mal ein anderes Gericht auszuprobieren, nur bis es tatsächlich auch dazu kommt, ist wieder eine andere Geschichte. Wenn man allerdings die Zutaten samt detaillierter Anleitung vor sich hat, ist man auch dazu angehalten die Gerichte umzusetzen und sich aus seinen routinierten Kochgewohnheiten zu lösen. Wenn Zubereitung und Geschmack überzeugen, dann kann der eigene Rezepte-Horizont so sicherlich erweitert werden.

An wen richten sich die Boxen?

Da es eine gewisse Bandbreite unterschiedlicher Angebote gibt, wie etwa vegetarische oder vegane, oder auch solche, die Bio- oder Gesundheits-Optionen haben, sind die Boxen für unterschiedliche Zielgruppen interessant. Aber allgemein richten sich die Angebote sicher an Personen, die eher zeitknapp sind und nicht besonders preissensitiv. Denn es ist natürlich billiger alle Zutaten selbst einzukaufen. Auch ist das Angebot eher für Singles, Paare oder „Kleinfamilien“ interessant, Koch-Boxen für Haushalte mit mehr als 4 Personen sind mir bisher nicht bekannt. Bislang sind die Kochboxen aber aufgrund der Liefermöglichkeiten und Lieferkosten ein noch eher städtisches Phänomen.

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Insgesamt fällt auf, dass die Kochboxen viel Verpackungsmüll hinterlassen: Neben den einzeln in Plastik eingepackten Zutaten fällt auch jede Menge Papier, Kartonage und teilweise sogar Styropor an. Zwei von fünf Anbietern fallen durch wenig Plastik und die Verwendung alternativer Kühlungssysteme auf: Marley Spoon und Kochhaus. Fotos: Dominique Facciorusso.

Jetzt sind die Vorteile ja schon deutlich benannt worden, daher nun zur Kehrseite der Medaille: Was sind die Nachteile der Kochboxen?

Neben dem höheren Preis liegen die Nachteile auch in den beschränkten Liefermöglichkeiten und auch der ökologische Aspekt spielt eine Rolle. Die Transportwege vom Anbieter zum Kunden können sich da schon mal über weite Strecken ziehen und viel CO2 verursachen. Im städtischen Raum wäre da die Lieferung per e-Bike natürlich umweltschonender.

Auch auffällig: Der Verpackungsmüll. Obwohl ich sagen muss, dass der je nach Angebot unterschiedlich stark ausgefallen ist…

Genau, aus Hygiene-Gründen sind die Zutaten meist alle einzeln verpackt. Insgesamt ist das dann nicht so umweltverträglich. Einige Anbieter setzen sich mit dem Thema Verpackungsmüll bewusster auseinander und versuchen umweltverträglichere Alternativen zu finden. Allgemein gibt es hier auf jeden Fall noch Optimierungsbedarf. Umgekehrt kann man natürlich auch argumentieren, dass durch das Kochbox-Konzept weniger Food Waste entsteht, weil man genau portionierte Zutaten hat. So wird alles aufgebraucht und im Optimalfall landet nichts im Müll.

Lest hier bald den zweiten Teil des Interviews…
Unter anderem geht es um den derzeitigen Wandel unserer Esskultur und wie die Lebensmittelindustrie auf die sich verändernden Konsumentenbedürfnisse reagiert.

Übrigens hat sich das auf Food-Themen spezialisierte Portal „Koch und Küche“ näher mit Marleyspoon beschäftigt. Hier könnt Ihr den sehr lesenswerten Artikel lesen:
https://www.kochundkueche.de/marleyspoon/

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