Die Digitalisierung des Automobils – Teil 1

Mit der zunehmenden Digitalisierung im Automobilsektor wird sich das Auto, so wie wir es heute kennen, in Zukunft gewaltig verändern: Biometrische Identifikationsfunktion oder das Autonome Fahren sind nur zwei Beispiele. Doch wie stehen die deutschen Konsumenten zu diesen Entwicklungen? GIM Radar spricht mit den Senior Research Managern und GIM-Automotive & Mobility Spezialisten Ulla Wichmann und Stephan Rückert über den Trend der Digitalisierung aus Konsumentensicht. Lest hier den ersten Teil des Interviews.

Hallo Ulla und Stephan – vielen Dank für das Interview heute! Der Automotive-Bereich ist ja seit einiger Zeit in den Medien thematisch stark vertreten. Im März gab es einen Artikel in der Süddeutschen, demnach die meisten Autodiebe aufgrund mangelhaft geschützter Funkschlüssel in die Fahrzeuge gelangen. Einige Hersteller setzen daher in Zukunft u.a. auf verbesserte Sicherheitssysteme. Ist das eine Problematik, die auch von den Autofahrern wahrgenommen wird?

Stephan Rückert: Nein, aus Konsumentensicht ist das kein sehr relevantes Thema. Bei über 40 Millionen zugelassenen PKWs in Deutschland handelt es sich mit 36.000 Diebstählen ja auch eher um eine homöopathische Anzahl. Was natürlich nicht bedeutet, dass die Fahrzeugsicherheit für die Konsumenten nicht relevant ist. Aber das Thema „unsichere Funkschlüssel“ ist definitiv nicht top-of-mind. Immerhin ist diese Technik ja nun auch nicht gerade der letzte technologische Schrei. Die sind schon seit mindestens 15 Jahren recht verbreitet.

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GIM Senior Research Manager Stephan Rückert. Foto: Dominique Facciorusso.

Ulla Wichmann: Und es ist ja auch der Standard… Es ist jetzt nicht so, dass es viele Alternativen auf dem Markt gibt. Es gibt kein Angebot und daher macht sich der normale Autofahrer wohl auch gar keine Gedanken darüber, was er sonst haben könnte. In dem Kontext spielt glaube ich auch der Komfort eine größere Rolle als die Sicherheit. Es ist also eher wichtig, dass ich die Tür mit vollbeladenen Händen und Armen öffnen kann und nicht in den Tiefen der Taschen nach dem Schlüssel suchen muss.

Um trotzdem nochmal auf den Aspekt Fahrzeugsicherheit zu kommen: Automobilhersteller arbeiten ja momentan an diversen Lösungsansätzen. Zum Beispiel wird viel mit biometrischen Identifikationsfunktionen experimentiert, es werden Schlüsseltechniken optimiert sowie die Fahrzeugüberwachung verbessert. Wie bewertet Ihr diese Entwicklungen aus Sicht der Marktforschung?

Stephan R.: Biometrie wird von Konsumenten gerne als die Lösung aller Probleme gesehen. Dabei sind insbesondere Fingerabdrücke ein denkbar ungeeigneter Schlüssel. Meine Fingerabdrücke lasse ich schließlich überall frei „zugänglich“ rumliegen z.B. am Türgriff meines Autos. Außerdem kann ich meinen Fingerabdruck, wenn er einmal in falsche Hände geraten ist, schlecht ändern.

Das klingt alles andere als sicher…

Stephan R.: Genau. Ein gutes Passwort sollte man auch eigentlich routinemäßig alle paar Wochen neu setzen, um maximale Sicherheit zu erzielen. Was hingegen die Fahrzeugüberwachung betrifft, so  ergeben sich ganz neue, vielversprechende Möglichkeiten. Ab März 2018 wird in der EU das eCall System für alle neuen Fahrzeuge verpflichtend eingeführt. Dieses System soll in erster Linie einen automatischen Notruf im Falle eines Unfalls absetzen. Es ermöglicht aber auch die Ortung des Fahrzeugs als Sicherung vor Diebstahl.

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GIM Senior Research Managerin Ulla Wichmann. Foto: Dominique Facciorusso.

Ulla W.: Man darf allerdings nicht unterschätzen, dass dort bei den Konsumenten auch große Bedenken im Hinblick auf das Thema Datensicherheit vorhanden sind! Das ist v.a. in Deutschland ein großes Thema.

Welche Interessen bestehen auf Seiten der Automobilhersteller den Prozess der Digitalisierung des Automobils voranzutreiben?

Stephan R.: Digitalisierung im Auto ist ja der Trend der letzten Jahre. Das Thema Diebstahlschutz würde ich in diesem Kontext eher als Randthema sehen. Es geht da primär um Themen wie Entertainment, Navigation, neue Bedienroutinen via Sprachsteuerung oder Gestensteuerung wie z.B. im neuen BMW 7er oder auch durch Interaktion mit dem Fahrzeug via App auf dem Smartphone.

Ulla W.: In der Tat. Das Auto soll automatisch erkennen, welche Sitzeinstellungen ich bevorzuge, welche Musik ich hören möchte oder auch welche Raumtemperatur ich mag. Da geht es also um personifizierte Einstellungen  – ohne dass ich selbst noch groß was einstellen muss. Man braucht nur einsteigen und das Auto weiß, was es zu tun hat.

Ein Traum für Paare mit einem Auto, aber zwei unterschiedlichen Beinlängen 🙂

Ulla W.: Zum Beispiel 🙂 Bei dem ganzen Digitalisierungs-Thema schwingt irgendwie auch immer das automatisierte Fahren mit. Der Grad der Automatisierung schreitet rasant voran und es ist nur eine Frage der Zeit bis der Fahrer sich nicht mehr dauerhaft auf den Verkehr konzentrieren muss, sondern sich während der Fahrt mit anderen Dingen beschäftigen kann.

Stephan R.: Um auf die eigentliche Frage zurückzukommen: Die Hersteller wollen zunächst mal nicht den Anschluss verlieren. Insbesondere für die jüngeren Kunden ist die Digitalisierung eine Selbstverständlichkeit. Sie erwarten Möglichkeiten der Bedienung und Nutzung, die sie von Smartphones kennen, auch in Ihrem Auto. Außerdem eröffnen sich durch die Digitalisierung und auch Elektrifizierung Möglichkeiten für neue Akteure – Tesla und Google sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Die etablierten Hersteller sehen sich also mit Wettbewerbern konfrontiert, die gerade im Bereich IT bestens aufgestellt sind.

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GIM Senior Research Manager Stephan Rückert. Foto: Dominique Facciorusso.

Ulla W.: Auch Apple darf hier nicht vergessen werden. In der „Absatzwirtschaft“ gab es aktuell einen Artikel, demnach der Konzern angeblich an einem selbstfahrenden Auto arbeitet. Einzelheiten sind zwar bislang nicht bekannt, aber das geheimnisvolle Auto-Projekt scheint voranzuschreiten. Letztendlich können Automobilhersteller diese Entwicklung gar nicht ignorieren, die genannten „neuen Akteure“ sind ja bereits gewaltig dabei und auch in den Medien präsent, wie z.B. das Google Auto.

Welche Vorteile hat die Digitalisierung im Automobilkontext? Fokussieren die Konsumenten hierbei den Aspekt des Diebstahlschutzes bzw. den der möglichen Kontrollfunktionen?

Stephan R.: Für Konsumenten steht das Thema Digitalisierung in erster Linie für Komfort und Entertainment. Diebstahlschutz ist da nicht unbedingt die erste Assoziation. Ganz allgemein spielen Sicherheitsaspekte im Kontext Auto aber natürlich immer eine Rolle, so erhofft man sich von der Digitalisierung auch Möglichkeiten zur Unfallvermeidung.

Ulla W.: Man darf auch die Konsumenten nicht vergessen, die einfach Spaß an neuen Technologien haben. Auch für Premiumhersteller ist es wichtig, dass sie neue Technologien integrieren, denn das ist für die Premium-Kunden auch ein Teil des Premium-Aspekts.

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GIM Senior Research Managerin Ulla Wichmann. Foto: Dominique Facciorusso.

In der nächsten Woche geht’s weiter mit dem zweiten Teil des Interviews!

Für weitere Informationen könnt Ihr Euch direkt an die GIM Senior Research Manager und Automotive-Experten Stephan Rückert (S.Rueckert@g-i-m.com) und Ulla Wichmann (U.Wichmann@g-i-m.com) wenden.

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Comments (1)

[…] sprachen hier schon über die Vorteile der Digitalisierung im Automobilkontext. Der Trend sorgt aber auch für […]

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