Beobachtungen aus der Pharma-Marktforschung: Adhärenz-Probleme

In einer Reihe von Beiträgen werden unsere Forscher in der kommenden Zeit ihre vielfältigen Beobachtungen aus der Pharma-Marktforschung beschreiben. Den Anfang macht Julia Eyman, die darüber berichtet, wie die Selbstverantwortung der Patienten und die Lust sich selbst zu heilen die Adhärenz erschwert.

Wenn es doch immer so einfach wäre: der Patient hat Beschwerden, geht zum Arzt, der stellt die richtige Diagnose und verordnet die entsprechende Therapie, die dann die Heilung mit sich bringt. Doch oft läuft es im echten Leben eben nicht so ab wie in diesem Schema, besonders wenn es um chronische Erkrankungen geht, kann der Weg zur richtigen Diagnose ein langwieriger und beschwerlicher sein: da wird eine Krankheit nicht gleich erkannt, weil die Symptome untypisch sind oder die Blutwerte unauffällig und so wandern Patienten manchmal jahrelang schwankend zwischen Hoffnung und Verzweiflung von Arzt zu Arzt und bekommen erst am Ende ihrer Odyssee die richtige Therapie.

Copyright Titelfoto: Luis Llerena / Stocksnap.

Aber selbst wenn ein Patient die richtige Diagnose und Therapie erhält, heißt das noch lange nicht, dass er sich auch an diese hält. An diesem Punkt kommt dann das Adhärenz-Problem ins Spiel, das natürlich die unterschiedlichsten Ursachen haben kann wie z.B. Abneigung gegenüber Medikamenteneinnahme generell, Unverträglichkeiten oder unangenehme Nebenwirkungen. Darüber hinaus sind es auch Missverständnisse bzw. ein Nichtverstehen der korrekten Einnahme, die später zu Fehlern führen. Hinzu kommt ein weiteres Phänomen, das wir beobachten und auf das ich im Folgenden etwas näher eingehen möchte: der mündige Patient, der das Gefühl der Selbstverantwortung in sich trägt und vor lauter Motivation, sich selbst zu heilen, mit seinen Entscheidungen den Therapieerfolg gefährdet. Wer ist dieser Patient? Was wissen wir über ihn? Zunächst, dass er gut informiert ist und gerne das Internet nach alternativen Heilungsmethoden durchforstet. Oft wird er fündig, in Foren, Blogs oder auf YouTube gibt es Anregungen genug. Dort findet er nicht nur Tipps über Hausmittel und Co, sondern auch Betroffene, mit denen er sich mehr oder weniger identifizieren kann. Besonders interessieren ihn die Erfolgsgeschichten: Foren-Schreiber, Blogger, YouTuber, die ein Leiden überwunden haben und nun stolz von ihrer Geschichte berichten, von ihrem Weg und dem Wendepunkt, an dem meist sie selbst die Lösung für das Problem gefunden haben (nachdem jahrelang die Ärzte in die falsche Richtung gedacht haben). Hier ein aktuelles und populäres Beispiel für eine solche Erfolgsgeschichte. Sehenswert sind hier vor allem die Minuten 11 bis 13:

Mit den ganzen Erfahrungsberichten bekommt der Patient auch eine ordentliche Portion Pharma- und Ärzte-Skepsis geliefert. Die dazu gehörenden Geschichten sind gerne nach dem klassischen Strickmuster von Verschwörungstheorien aufgebaut und sehen hinter wirkungslosen Therapien einen bösen Plan, ausgeheckt von den Mächtigen der Konzerne. Aber zurück zum Thema Adhärenz. Mit all diesem Wissen und Meinungsverwirrungen im Kopf bewertet der Patient seine Therapie nun mit einem neuen Blick. Besonders wenn er nicht gleich zu Beginn der Therapie eine spürbare Verbesserung wahrnehmen kann, ist er geneigt, etwas zu verändern: eine Kleinigkeit zunächst – die Einnahmezeit oder die Dosis, dann etwas Anderes hinzugefügt, ein Hausmittel oder alternatives Heilmittel erst hinzu- und schließlich als Ersatz genommen, oder auch Hilfe aus den Weiten der Ernährung (Stichwort: SUPERfoods).

Warum tut er das? Die Therapie verändern, die sein Arzt empfohlen hat? Weil die Medien ihm gesagt haben, dass die Verantwortung über Krankheit und Gesundheit bei ihm liegt (ganz nach dem Motto jeder ist seines eigenen Glückes Schmied und wer übergewichtig ist, soll weniger Essen und nicht die Gesellschaft dafür verantwortlich machen). Weil er skeptisch ist und ungeduldig, weil er die Erfolge nicht sieht und das Gefühl hat, er muss etwas tun, um die Heilung herbeizuführen. Und letztendlich vielleicht auch ein bisschen aus dem Wunsch heraus, am Ende der Geschichte nicht nur der Leidende zu sein, sondern der Held, der sich selbst gerettet hat, so wie die anderen Helden auf YouTube und Co.

Fazit & Implikationen für die Arzt-Patienten-Kommunikation

Was können wir aus diesen Beobachtungen lernen? Die Berücksichtigung dieser Einstellung und Bedürfnisse einiger Patienten in der Arzt-Patienten-Kommunikation kann helfen, die Adhärenz zu verbessern. Es lohnt sich also darüber nachzudenken, wie der Patient aktiv in die Gestaltung der Therapie miteinbezogen werden kann und wie der Arzt die Priorisierung von Therapiemaßnahmen verständlich vermitteln kann, um diese weniger anfällig für Skepsis zu machen. In diesem Zusammenhang kann Visualisierung ein hilfreiches Tool sein, um in kurzer Zeit ein gutes und nachhaltiges Verständnis der Therapie und deren Wirkweisen zu vermitteln.

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Wenn Ihr mehr über das Thema Pharma Marktforschung erfahren wollt, wendet Euch bitte direkt an unsere Expertin und Research Managerin Julia Eymann.

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